
Hochstapler-Syndrom als Programmierer – Du bist kein Fake`
Hochstapler-Syndrom als Programmierer – Warum du nicht der einzige "Fake" bist
⚠️ Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel basiert auf meinen persönlichen Erfahrungen und ersetzt keine professionelle psychologische Beratung. Wenn du unter starken Selbstzweifeln leidest, sprich bitte mit einem Therapeuten.
TL;DR (Key Takeaways)
- Imposter-Syndrom betrifft die meisten Entwickler: Du bist nicht allein mit diesen Zweifeln
- ADHD verstärkt das Problem: Hyperfokus und Task-Switching machen alles komplizierter
- Vergleichen ist toxisch: Social Media zeigt nur die Highlights, nie die Struggles
- Erfolge dokumentieren hilft: Ein "Win-Log" macht Fortschritte sichtbar
- Jeder fängt mal an: Senior Devs waren auch mal Anfänger (und fühlen sich oft selbst wie Imposters)
- Perfektionismus ist der Feind: "Gut genug" ist besser als "perfekt aber gelähmt"
- Community statt Isolation: Austausch mit anderen zeigt, dass alle kämpfen
Der Moment, in dem ich dachte, ich bin ein Fake
Pull Request eingereicht. Senior Dev schaut drauf. Mein Herz rast.
"Das ist doch Anfängerkram. Der wird sofort merken, dass ich keine Ahnung habe."
Spoiler: Das war vor 2 Jahren. Der Code war okay. Der Senior Dev hatte nur zwei kleine Anmerkungen.
Aber in meinem Kopf? Totales Chaos. Ich war fest überzeugt, dass ich jeden Moment auffliegen würde.
Willkommen im Club des Hochstapler-Syndroms.
Und weißt du was? Als Entwickler mit ADHD und Asperger ist das Gefühl noch mal intensiver.
Lass mich dir erzählen, wie das wirklich ist – und vor allem, wie ich gelernt habe, damit umzugehen.
Was ist dieses verdammte Imposter-Syndrom eigentlich?
Du hast objektiv Erfolge. Du hast Projekte abgeschlossen. Code geschrieben, der funktioniert. Vielleicht sogar ein paar Leute beeindruckt.
Aber in deinem Kopf? Eine Stimme, die flüstert:
"Das war Glück." "Die anderen sind viel besser." "Du hast eigentlich keine Ahnung." "Irgendwann finden sie raus, dass du ein Fake bist."
Das ist das Hochstapler-Syndrom in a nutshell.
Es ist nicht rational. Es basiert nicht auf Fakten. Aber es fühlt sich verdammt real an.
Und in der Programmierwelt? Da hat es einen perfekten Nährboden.
Warum gerade Entwickler so hart betroffen sind
Die Technologie-Tretmühle
React heute, Svelte morgen, was auch immer übermorgen kommt.
Du kannst unmöglich alles wissen. Unmöglich.
Aber versuch das mal deinem Gehirn zu erklären, wenn du auf Twitter scrollst und der zehnte Thread darüber läuft, wie "jeder echte Dev" diese neue Library benutzt, von der du noch nie gehört hast.
Bei mir mit ADHD kommt noch dazu: Ich springe von Technologie zu Technologie. Lerne etwas Neues, bin hyperfokussiert für 2 Wochen, dann kommt das nächste Shiny Object.
Resultat? Ich fühle mich, als hätte ich von allem ein bisschen, aber von nichts richtig Ahnung.
Die "10x Developer"-Illusion
Hast du schonmal von "10x Developers" gehört? Diese mythischen Wesen, die in einer Stunde mehr schaffen als du in einem Tag?
Spoiler: Die gibt's nicht. Oder besser gesagt – sie sind genauso Menschen wie wir, mit den gleichen Problemen.
Aber Social Media verkauft uns eine andere Story. Da siehst du:
- Den Dev, der sein Side-Project in 2 Wochen zum $10k MRR Startup gemacht hat
- Den YouTuber, der "kinderleicht" komplexe Algorithmen erklärt
- Den LinkedIn-Influencer, der scheinbar nie Probleme hat
Was du NICHT siehst:
- Die 50 gescheiterten Projekte vorher
- Die Stunden des Debuggings und Frusts
- Die Momente, in denen sie selbst keine Ahnung hatten
Wir vergleichen unser Behind-the-Scenes mit dem Highlight-Reel anderer Leute.
Und das ist brutal für unser Selbstbewusstsein.
Stack Overflow macht alles schlimmer
"This question has already been asked 500 times."
Danke, Stack Overflow. Genau das wollte ich hören.
Oder noch besser: "This is a trivial problem, here's a one-liner solution."
Trivial für wen? Ich habe 3 Stunden an diesem "trivialen" Problem gesessen!
Die Developer-Community kann manchmal... hart sein. Nicht mal böswillig. Aber wenn du schon am Zweifeln bist, kann jede kleine Bemerkung das Imposter-Syndrom triggern.
ADHD macht das Ganze noch komplizierter
Lass mich ehrlich sein: ADHD und Programmieren ist eine komplizierte Beziehung.
Das Task-Switching-Problem
Projekt A läuft. Ich bin im Flow. Dann kommt ein Meeting. Danach soll ich an Projekt B arbeiten.
Mein ADHD-Gehirn: "LOL, nope. Wir haben vergessen, worum es in Projekt A ging. Projekt B? Keine Chance. Lass uns lieber YouTube schauen."
Und dann fühlst du dich wie ein Versager, weil "normale" Devs das scheinbar problemlos hinbekommen.
Hyperfokus: Fluch und Segen
Wenn ich im Flow bin, kann ich 12 Stunden durchcoden. Esse vergessen, trinke vergessen, Zeit vergessen.
Produktiv? Ja. Gesund? Nein.
Und das Schlimmste: Nach so einem Hyperfokus-Marathon fühle ich mich komplett leer. Und wenn dann irgendwas nicht funktioniert, kommt die Stimme zurück:
"Siehst du? 12 Stunden investiert und der Code ist immer noch buggy. Du bist einfach nicht gut genug."
Die Detail-Falle
ADHD bedeutet oft: Entweder total hyperfokussiert auf Details oder komplett overwhelmed vom Big Picture.
Bei Code-Reviews kriege ich dann Kommentare wie "You're overthinking this" oder "This could be simpler".
Und mein Gehirn interpretiert das als: "Du bist zu kompliziert. Du denkst falsch. Die anderen machen es besser."
Was mir wirklich geholfen hat
1. Das "Win-Log" – Dein Imposter-Killer
Ich führe seit einem Jahr ein Win-Log. Jeden Tag schreibe ich 1-3 Dinge auf, die ich geschafft habe.
Nicht nur große Erfolge. Auch:
- "Bug gefunden, der seit Wochen nervte"
- "Endlich verstanden, wie Promises funktionieren"
- "Kollegen geholfen bei einem Problem"
Wenn das Imposter-Syndrom zuschlägt? Ich öffne das Log. Und sehe schwarz auf weiß: Ich bin nicht fake. Ich mache Fortschritte.
2. Von "Ich bin schlecht" zu "Ich lerne noch"
Mindset-Shift:
❌ "Ich verstehe X nicht → Ich bin dumm" ✅ "Ich verstehe X noch nicht → Ich bin im Lernprozess"
Das klingt nach einem kleinen Unterschied. Ist es aber nicht.
"Noch nicht" gibt dir Hoffnung. Raum zum Wachsen. Erlaubnis, nicht perfekt zu sein.
3. Finde deine "Auch-Imposters"-Gruppe
Ich habe lange gedacht, ich bin der einzige, der sich so fühlt.
Dann habe ich angefangen, offen darüber zu reden. In Discord-Servern. Auf Twitter. Mit Kollegen.
Und rate mal?
ALLE fühlen sich manchmal wie Imposters. Selbst die Senior Devs mit 15 Jahren Erfahrung.
Das zu wissen ändert alles. Plötzlich ist es kein "Ich bin nicht gut genug", sondern "Das ist ein normales Gefühl in dieser Branche".
4. Hör auf zu scrollen, fang an zu bauen
Social Media ist ein Imposter-Syndrom-Beschleuniger.
Du siehst nur:
- Erfolgs-Posts
- Fertige Projekte
- Perfekte Code-Snippets
Was hilft? Weniger konsumieren, mehr machen.
Bau etwas. Egal wie klein. Egal wie "schlecht". Hauptsache, du MACHST.
Jedes kleine Projekt ist ein Beweis, dass du kein Imposter bist.
5. Akzeptiere, dass du nie "alles" wissen wirst
Das hat lange gedauert, aber: Ich habe akzeptiert, dass ich unmöglich alles wissen kann.
Frontend? Kann ich. Backend? Solide. DevOps? Grundlagen. Machine Learning? Keine Ahnung.
Und das ist okay.
Niemand – wirklich NIEMAND – ist in allem perfekt. Senior Devs googeln genauso viel wie du. Sie wissen nur, WIE man googelt und WAS man sucht.
Der ADHD-spezifische Umgang
Wenn du ADHD hast, brauchst du zusätzliche Strategien:
Nutze deinen Hyperfokus bewusst Plane deine Hyperfokus-Sessions. Blocker in den Kalender. Grenzen setzen (Timer!). Dann kannst du die Superpower nutzen, ohne danach komplett auszubrennen.
External Brain = Dein bester Freund Notion, Obsidian, simples Markdown – egal. Schreib ALLES auf. Dein Gehirn vergisst sowieso. Aber ein externes System vergisst nicht.
Akzeptiere dein Task-Switching-Problem Du brauchst länger, um wieder reinzukommen? Okay. Plane Puffer ein. Kommuniziere das. Nicht als Schwäche, sondern als "So funktioniere ich halt".
Finde ADHD-friendly Workflows Pomodoro? Für manche gut, für mich nicht. Ich brauche längere Fokus-Blöcke mit klaren Breaks. Finde heraus, was für DICH funktioniert.
Das Fazit: Du bist kein Fake
Das Hochstapler-Syndrom ist real. Es ist schmerzhaft. Und als ADHD-Dev ist es manchmal noch intensiver.
Aber hier ist die Wahrheit:
Wenn du denkst, du bist ein Imposter, dann bist du wahrscheinlich KEIN Imposter.
Echte Imposters zweifeln nicht. Sie wissen, dass sie fake sind.
Du zweifelst, weil du hohe Standards hast. Weil du wachsen willst. Weil dir das, was du machst, wichtig ist.
Das ist nicht Schwäche. Das ist Integrität.
Ja, andere sind vielleicht weiter. Haben mehr Erfahrung. Wissen mehr.
Aber die waren auch mal da, wo du jetzt bist. Und viele von ihnen fühlen sich IMMER NOCH wie Imposters.
Du musst nicht perfekt sein. Du musst nicht alles wissen. Du musst nicht der "10x Developer" sein.
Du musst nur eins: Weitermachen. Lernen. Wachsen.
Und dich selbst nicht fertig machen für das, was du (noch) nicht kannst.
Wenn du mehr darüber erfahren willst, wie du als neurodivergenter Entwickler mit Imposter-Syndrom, ADHD und den täglichen Herausforderungen umgehen kannst, schau dir meinen Kurs NeurodivergentDevs an. Ich gehe dort tief rein in diese Themen – authentisch, aus eigener Erfahrung, ohne Bullshit.
Du bist gut genug. Versprochen.

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